Leseprobe / Prolog
Nénuvar, Seiten 1-5

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Adán begriff, dass es Wahrheiten gab, die Menschen hörten und instinktiv bestätigen konnten, und Wahrheiten, von denen sie sich stoppen und bewegen ließen: die Überraschungen. Er begriff seine Mutter! Er begriff, welches Wissen sie täglich sammeln musste, und er wusste, dass er selber den Fleiß, der zur Überraschung gehört, niemals würde aufbringen können. Er würde sich das Unbekannte nicht erdenken können – nicht in dem Maße, in dem er sich vorstellen konnte, dass sein Herz zur Haltung fähig sein würde.

Er hatte schon in seinen Kinderjahren immer wieder die Zuversicht in den Augen und in dem Gang der Damen und Herren gesehen, die sein Zuhause verließen. Seine Mutter, die spanische Botschafterin in Den Haag, und eine Frau, die jegliche menschliche Regung mit einer klaren Haltung begleitete, war sein großer Eindruck gewesen. Seine wichtigste Erinnerung, wann immer er sie brauchte. Er hatte auch gerochen, dass es nicht ihre Ehrlichkeit war, die die Besucher so sehr bestätigte – es waren die vielen Fakten, die sie über die Menschen aussprechen konnte, und die auf ein Ziel hin führten. Er hatte immer mit offenem Mund neben ihr gestanden, weil er nie wusste, wo sie herkamen. Auch sein Vater und ihr Ehemann über einige Jahre, hatte sich bei einer glücklichen Gelegenheit in dieses Mysterium verliebt. Dass die Inhalte ihrer überraschenden oder nur wahr gesprochenen Sätze mit einer lebenslangen detailverliebten Lernarbeit verbunden waren, hatte Adán damals nicht gesehen, denn sie schien keineswegs angestrengt: Sie telefonierte, las Zeitung oder verreiste. Und unter Menschen sprach sie mit einer Leichtigkeit, die wirkte, als käme das Wissen von Natur aus zu ihr. Immer, wenn sich für Adán und seinen Vater eine Gelegenheit fand, spazierten die beiden einmütig zum Hafen, banden die Segelyacht los und verbrachten die gemeinsamen Stunden auf See damit, die Frau und Mutter zu vergöttern und zu lieben, dass es sie gab.
Für Adán waren das die ruhigen Stunden, in denen alles richtig schien. Er lernte von seinem Vater all die Überlebenswichtigkeiten, die das Wasser und das Wetter an den Küsten herausforderten, und fühlte sich bereits als 10jähriger in jeder Nussschale fern der Ufersicht so sicher, dass er, ohne ein Wort oder einen Seitenblick an den Vater zu verlieren, die Segel durch die geplanten Routen setzen konnte. Abends bei Tisch erwähnten sie einen seltenen Vogel, den sie gesehen hatten oder ein besonderes Boot, aßen und gingen zu Bett. Und dort träumte Adán von der Stimme und der Haltung, die auch er einmal haben würde.
Als Teenager konzentrierte er sich, in Ermangelung eines Wissens darüber, was er sagen könnte, auf die Wahrheiten, die er finden konnte – insbesondere auf die schmerzhaften Wahrheiten. Ihm wurde nicht nur von sicherer Elternseite aus, sondern auch von weiblicher und fremder Seite angetragen, dass diese niemals Fehl am Platz waren. Sie wurden mit der Geradlinigkeit verbunden, selbst wenn er sie aus irgendeiner faulen Ecke gepickt hatte, und was noch wichtiger war: Sie wurden nicht überhört. Nicht von den Mädchen und nicht von den Jungen, obwohl beide mit vollkommen unterschiedlichen Dingen beschäftigt waren – zu denen sich Adán übrigens in keinem Fall berufen sah: Er fühlte sich weder zu den Geschicklichkeitsspielen hingezogen, noch zu den harten Bällen und Fäusten. Seine Position war immer der Seitenrand auf einem Schulhof. Er wurde dort respektiert, weil alle wussten, dass er, wenn es darauf ankäme, alleine in einem Zwölffüßer und mit ein paar Äpfeln plus Zwieback nach Norwegen würde segeln können. An diesem Seitenrand lernte er, mit dem glücklichen und sicheren Respektpuffer in den Taschen, dass die brechenden Wahrheiten, die man mit bloßem Auge erkennen und vom Asphalt auflesen konnte, in jeder gewohnten Gesellschaft irgendwann zur Neige gingen. Er würde seine Sicherheit auf Dauer also irgendwo anders hernehmen müssen. Und er fand sie in einer Ecke, die mit dem Fleiß nichts zu tun haben brauchte: In seiner Erinnerung ist er tatsächlich in jedem seiner Sätze beachtet worden, weil er bei aller Faulheit und Intelligenz eines in einem besonderen und ganz anderen Maße beherrschte, als seine Mutter, die praktisch den ganzen Tag durch sprach: sein Timing. Die wenigen Worte, die er täglich finden konnte, setzte er dorthin, wo er sicher sein konnte, dass sie eine Wirkung erzielen würden. Nicht die praktische Wirkung, die ein führender Mensch hätte nutzen können, oder die stimmungsmachende, sondern die beruhigende Wirkung, die die Menschen in Klarheit stehen lässt. Er wollte sehen, wie sie ihn hörten und darauf aus sich selbst heraus handeln und ihren nächsten Schritt setzen konnten. Selbst, wenn es den Schritt von ihm weg bedeutete – er war süchtig nach dieser Klarheit in den Menschenaugen. Und er fand mit den Jahren immer mehr Köpfe, die die Worte liefern würden: Sie hießen Shakespeare oder Heine, und sie tummelten sich hinter vielen spielenden Gesichtern. Es war dabei gar nicht das Spiel oder die Politik, die ihn faszinierte. Er wollte nicht sich selber zeigen – sein Aussehen oder seine Gedanken. Adán wollte aus sich nur die Worte hören und wie genau sie die Umstände und die Frauen und Männer darin trafen. Sie hatten mit ihm selber nie etwas zu tun. Und genauso plante er seinen Weg: Er würde sich von den Umständen tragen lassen, die er fand, von dem Boden unter seinen Füßen, von den Worten, die andere Menschen formulierten, vom Wind und vom Wetter. Es gefiel ihm auch sein Name: Adán Zeldenthuis. Er würde selten zuhause sein!

Auf Dana Vennett traf er in einem Sommer am Veersemeer – beide noch so rotzig, dass beinahe die Kieselsteine geflogen wären – zwischen 14 und 16 Jahren vielleicht. Sie bemerkten sich am Strand, weil sie aussahen wie Zwillinge: kurze dunkelbraune Locken, die überraschend hellblauen Augen und zu diesem Zeitpunkt noch eine annähernd gleiche Körpergröße. Dana stolperte am Ufer über ihn, als er gerade einen Riss im Neoprenanzug flickte, den er schon anhatte – mit Nadel, Faden und Heißkleber, direkt über seinem Schritt und mit ein paar Haarbüscheln dazwischen. Und keinerlei Notiz von ihm, auch nicht, als sie sich mit Klappstuhl und allem gegenüber aufpflanzte und starrte – noch mit einer halben Frikadelle im Mund.
Als er zufrieden verklebt war, schnappte er sich Segel und Board, warf es ins Wasser und sprang hinterher, gleich rein in den Wind. Und Dana ist eine Seele, die sich von einem solchen Einstieg nicht erst bitten lässt. Sie schmiss ihr Material auf gleiche Weise in den Teich und hetzte ihm bei etwa sechs Beaufort hinterher.
Windsurfen ist eine Sportart, in der man gleiten oder kämpfen kann. Da es sich bei Dana um eine junge Dame handelt, bei der scheinbar das weiblich-gelassene Gen eine Generation übersprungen hatte, schlug sie bereits nach einer Stunde Kampf mit einem brüllenden Hunger und zwei betonharten, aufgepumpten Unterarmen der Länge nach in die paar Meter Strandkies, während Adán noch seine lockeren Seemeilen durch den Sonnenuntergang zog. Es war noch nie möglich gewesen, Dana zu einer Geduld zu bewegen, die sich an der Erdkugel und an ihrer Umlaufbahn orientierte. Sie mochte nicht einsehen, dass die Dinge, waren sie einmal im Gange, auch in ihre Plätze fielen, und dass es sich lohnte, auf diese Zeit zu warten. Denn tatsächlich war es ja nicht immer so! Man muss auch aus Rücksicht auf ihre nützliche Intelligenz sagen, dass Windsurfen eine Bewegungsart ist, die einer hitzigen und zerhackenden Metzelei gleichkommt, beherrscht man sie nicht bis in die Brillanz. Bei Winden in der oberen Beaufort-Skala liegen alle irgendwann röchelnd am Strand. Und Dana war zumeist eine der verschwindend wenigen Frauen in dieser Bucht.
Grundsätzlich erkennt sie Aufgaben, die direkt vor ihr liegen: Ist sie von dem Gefühl, das ein Gelingen verspricht, gereizt oder geblendet, greift sie zu. Wenn sie nicht mehr kann, denkt sie ans Essen und nicht ans Schlafen oder Meckern. Entsprechend dieser Eigenschaft stapfte sie also zum Frittencamper, der in irgendeinem Jahrhundert dort einen Unfall erlitten haben und liegen geblieben sein musste. Sie orderte die eine mögliche ‚Specialiteit‘: Frikadelle mit allem und Chips – aus einer Lebensmittelindustrie oder einem Handwerk, das – wer kann es genau sagen – zerhexelte Gartenzäune, alte Autoreifen und vielleicht in bisschen Fußfleisch in die Bratdinger packt. Eigentlich traut man sich nach einem Verzehr kaum auf Toilette. Und die dazugehörigen Bäuerchen tragen sich von den Ufern aus über die gesamten wabernden Quadratkilometer, die dieses Binnenmeer zu bieten hat. Dana kümmerte dies nicht, und immerhin – das war ihr Gedanke, der die beiden bis heute verbindet – sie brachte ihm etwas mit. Dana weiß die unmittelbaren Funktionen und Bedürfnisse ihrer nächsten Mitmenschen zu schätzen und zu teilen. Die Rechnung allerdings, die Adán ihr nach seinen genossenen Seemeilen und einem sanften Abstieg vom Board in die grüne Wiese eröffnete, steht bis heute offen: „Du kannst deine Eigenschaften nicht gegen die Nordsee durchsetzen!“

Die beiden haben sich, nach diesen Worten, noch viele Male dort getroffen. In vielen Sommern und Stürmen. Ihre Eltern besaßen jeweils einen kleinen Bungalow in derselben Ufersiedlung, in denen sich das Surf- und Segelmaterial für die Wochenenden stapelte – darüber hinaus das Holz für das abendliche Feuer, und unter Vennetts Dach noch der obligatorische Kasten Kölsch aus dem Rheinland, ohne den kein Deutscher aus dieser Gegend jemals irgendwo hinfährt. Sie waren Nachbarskinder. Sie stahlen sich gegenseitig die Erdnüsse, sie schnitten sich auf dem Wasser die Winde und Wege ab, sie ließen abends die Flaschenböden zusammenklunkern, und dachten gar nicht daran, sich einen einzigen entgegenkommenden oder auch nur logischen Gedanken zu schenken. Er hatte seine Pläne und sie war rund um die Uhr mit ihren aktuellsten Anliegen beschäftigt. Das höchste der Gefühle war ein monatlicher Anruf, der klären sollte, wer von ihnen wann in der Bucht sein würde, weil es doch bei schwachem Wind ehrbarer oder zumindest anerkannter schien, sich in Gesellschaft das Bier reinzukippen, verglichen mit der einsamen Variante.
Die sengende Konkurrenz zwischen den beiden existierte hauptsächlich für Dana, die sich vorgenommen hatte, sein Können zu erreichen und an manchen Stellen sogar zu übertrumpfen. Adán sah sich auf dem Wasser meist nur im Verhältnis zum Wind – so, wie sein Vater es ihm gezeigt hatte. Sie respektierten sich, weil sie erkannten, dass sie beide ihrem Instinkt mit einer Ernsthaftigkeit folgten, die unter ihren Altersgenossen und auch generell selten zu finden war, und sie bemerkten den Egoismus, der dazu nötig war und an dem sie ohne Weiteres nichts ändern würden. Also gingen sie sich an den entsprechenden Stellen aus dem Weg.
Was sie allerdings jederzeit in Streit und Machtkämpfe versetzen konnte, war ihr Unverhältnis aus Ruhe und Unruhe. Ob sie nebeneinander übers Wasser schossen, Feuer machten oder einkauften – Dana war kaum jemals zufrieden. Sie suchte immer nach noch reizvolleren und muskelzerrenden Manövern, nach den besseren Holzscheiten fürs Feuer – dann verbrannte sie sich dabei die Finger – und sie roch immer, dass es ein noch passenderes Gewürz fürs Fleisch geben musste. Dana lief den ganzen Tag durch, und natürlich deutete sie es auf ihre Weise, wenn jemand bereit war, soviel vom Leben vorbeiziehen zu lassen wie Adán, der sich nur alle paar Stunden mal äußerte, und dann keineswegs immer in Form von Perlen.
Und er lachte über sie, weil sie kein Timing hatte – weil in seiner Welt die falsch getimten oder wiederholten Wahrheiten und Handlungen zu dumpfen Gewohnheiten wurden. Sie waren die Geschwister, die sich gegenseitig den Vogel zeigten, die zwei Länder, die sich nicht verstanden, oder der angehende Mann und die Frau, die zwei unterschiedliche Vorstellungen vom Leben hatten. Die Jahre würden ihnen zeigen, dass sie mit diesen nicht alleine bleiben konnten.

 

NÉNUVAR © 2014 Heike Haarmann (UBIQE), Esslingen
eBook ISBN 978-3-00-041172-4
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