Leseprobe / Paris, Club-Szene
Nénuvar, Seiten 20-23

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Renée machte sich sofort auf den Weg und fand Dana am Boulevard Voltaire, in einem ausrangierten Loch – in einem Club, den sie aus dem Pariser Untergrund gewühlt hatte, der keinen Namen brauchte, und in einer Nacht, die sie sich verdient hatte. Es wunderte Renée nicht, dass sie auch in die große Stadt geflohen war: Einkaufen, nach den dichten und schlafarmen Monaten, sich die Haare schneiden und die Sinne berauschen lassen, sich Anderem öffnen … Dana trug mehr als sonst: einen Schottenrock über den silbrigen, schmalen Hosen und Stiefeln und oben eine erstaunlich geschlechtslose, blaue Kapuzen-Jacke aus einem wolligen Stoff – darunter vermutlich ein hautenges Nichts und die dunklen Locken sehr kurz. Sie bewegte sich in der Nähe eines jungen Mannes, den sie mit ihrem Arm in einer angenehmen Distanz hielt – mit ihrer flachen Hand auf seiner Lunge – solange bis sie einen guten, gemeinsamen Move finden würden. So nahm Renée es wahr: Dana suchte nach etwas und ließ ihn dabei in der bequemen Lehne an einer der Backsteinträger in diesem Gewölbe. Der junge Mann genoss es, nicht zu führen und abzuwarten, bis sie sich vor ihm auf eine Art bewegte, die er mitgehen wollte.
Renée hatte Dana noch nie tanzen sehen. Sie bewegte sich nicht ausschweifend, nutzte aber ihre Muskeln in einem Fluss, an dem man hängen blieb – mit der gleichen ruhigen Aufmerksamkeit mit der sie aß. Und sie wollte es mit jemandem zusammen tun. Es hätte auch eine Frau sein können – würde es im Laufe der Nacht möglicherweise noch werden, denn keine ihrer Bewegungen folgte einer unter Frauen und Männern typischen und bekannten Linie. Sie suchte nach etwas Spezifischem, das sie mit diesem Mann teilen konnte, und konzentrierte sich wieder nur auf die Bewegung, nicht auf die Macht. Renée hätte von ihm auch gefordert – hätte die Distanz größer werden lassen, bei seiner genossenen Bequemlichkeit. Sie hätte ihn nicht so bedient und fühlte sich von Dana gereizt oder von der Energie, mit der sie ihm zeigte, dass es ihr nur auf den gemeinsam erlebten Moment ankam. Es war für Renée unmöglich, Dana in diesem Moment zu stören. Sie ließ sich auf die treibende Musik ein und bestellte einen Wein. Eigentlich wollte sie sich nur auffangen lassen – von der Musik, vom Alkohol und einer Zigarette. Sie fand einen Platz an der erhöhten Bar, gar nicht weit von Dana, mit einer guten Sicht über das Geschehen. Vielleicht war es für sie der richtige Moment, um zu realisieren, was passiert war. Renée schloss einen Moment die Augen und sah sich die Matrix im Geiste noch mal an. Sie stellte sich die überwältigend vielen tausend Tonnen Stahl und Beton vor, auf denen sie planten, das Leben stattfinden zu lassen – eine ganze Etage oberhalb des Lärms, des Ärgers und der Motoren, die sie alle täglich vor der Nase hatten. Sie trank ihren Wein darüber, dass ihre Planung mit einer ebenen und nützlichen Oberfläche abschloss, auf der sich die menschlichen Visionen und Begierden würden austoben können, ohne die Funktionalität des Systems darunter anzugreifen und zu zerstören – auf diese Gelegenheit hoffte sie. Diese Gelegenheit würden sie brauchen, um sich von den Energie- und Zeitverlusten der heutigen Städte abzusetzen. Die Schnittstellen zwischen dem Leben und dem berechenbaren Verkehr würden funktionieren müssen. Und die Liste der Menschen, zu denen sie ab morgen in Verbindung und Konfrontation stehen würde, war so lang, dass sie sich einfach nur den Wein nachschenken ließ.
Hinter Dana war jetzt, wenig überraschend, eine Frau aufgetaucht – eine Bekannte des jungen Mannes, das sah man an ihren Blicken. Sie flüsterte Dana etwas in ihr Ohr und legte dazu eine Hand auf ihre Schulter. Und auch auf dieses Bild ließ Renée sich ein, so wie Menschen sich einlassen, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen und das potentiell Interessante abschätzen: das Gefährliche, das Langweilige, das Unterlegene – die potentielle sexuelle Partnerschaft. In den allermeisten Fällen kann Renée sie ablehnen. Sie hat  mit Dana zum ersten Mal vor zwei Jahren gesprochen und sie im Stillen als schwer einsehbar und sehr jung verbucht – als uninteressant für sie. Menschen treffen sexuelle Urteile in Sekundenbruchteilen und hundertfach am Tag. Die allermeisten davon treffen sie richtig. Für Renée und für jede andere reife Frau, ab vielleicht den mittleren Dreißigern, kann das schwer Einsehbare die pure Langeweile bedeuten – gegenüber Menschen, die sich nicht äußern können oder die sich nicht kennen. Renée würde nun ihre jüngere Partnerin fast täglich erleben.
Dana hatte den jungen Mann inzwischen an ihrer rechten Hand und er lehnte nicht mehr, sondern stand mit entspannten und offenen Beinen sehr nahe vor ihr – auf ihren Wunsch hin – und er bewegte sich kaum. Er ließ sich die Bässe durch die Muskeln ziehen, während sie sich mit seiner gehaltenen Hand an ihrem Becken sehr schmal und vorsichtig zwischen seinen Beinen aufhielt. Trotz seiner breiten Beine und ihrer klaren Führung tauchten in ihrer beider Ausstrahlung keinerlei Dominanz auf und auch keinerlei Ansprüche, die den Rest der Nacht betreffen könnten. Dana sah ihm nicht in die Augen, sondern in allem Respekt auf seinen Oberkörper, seine Hüften und Beine.
Die Frau hinter Dana war mit klaren Absichten an sie herangetreten, wusste nun aber nicht so recht, wie und wohin. Sie bemerkte die Vorsicht zwischen den beiden, und dass Dana auf sie wartete und nicht noch einen zweiten Menschen führen würde. Und dann tat die Frau unter ihrem leichten, aber sichtbaren Alkoholeinfluss etwas, das Renée plötzlich und angenehm reagieren ließ – etwas das Renée aus ihrer eigenen Vorstellung kannte: den weiblichen, nackten und anonymen Schoß, der auf einmal ihren Hintern berührte oder sogar umschloss, während sie langsam mit ihrem Mann schlief, und die Hand, die dabei über ihren Rücken fuhr. Sie hatte es noch nie wirklich ausprobiert und war sich nicht sicher, ob sie nur nicht wusste, mit wem oder ob ihr die Vorstellung einfach perfekter erschien, als es die Realität jemals würde sein können.
Dana mochte die Frau und die dritte Hand auf ihrem Becken, aber sie nahm ihr die gute Koordination, die sie zu ihrem männlichen Gegenüber aufgebaut hatte. Renée sah ihr an, wie sie anfing zu überlegen, und sie lachte in ihr Weinglas, als Dana sich mit den beiden fremden Händen in ihrer eigenen entschloss die junge Dame zwischen sich und ihren Bekannten zu ziehen. Dana nahm sich den Körper der Frau und schob ihn dem netten Kerl vor die Front, so dass sie sich gerade noch nicht berührten, und sie selber fiel verspielt über ihren Rücken her. Ihr reichte der eine Mensch pro Berührung.
Renée nahm sich diesen Moment. Er lag ihr genau richtig. Sie sah noch kurz zu, bis die beiden neben Dana richtig klassisch wurden und schickte Dana die SMS auf ihr Handy, das sie rund um die Uhr an ihrem Oberschenkel in Griffhöhe trug. Renée ging geradewegs durch die tanzenden Menschen und seitlich auf Dana zu und sah wie sie umstandslos noch das Handy heraus kramte und die Botschaft las: Wir gehen den nächsten Schritt! Danas Mund klappte auf und sie ließ sofort die Frau los. Als Renée ihr die Hand auf die Schulter legte, um sie irgendwie von diesem Schock abzuholen, wirbelte sie herum, ließ ihrem Gesicht einen völlig unkontrollierten Lauf durch die aufgebrochene Welt und sprang ihr um den Hals. Dana ist nicht schwer, aber Renée hatte die gesamte Frau zu tragen oder zumindest festzuhalten. Ein bisschen hatte sie damit gerechnet, obwohl Dana sie nie berührt hatte bisher – außerhalb der gelegentlichen französischen Begrüßungen, die sie ob der andauernden Begegnungen auch schon mal ausließen. Auf ihrer partnerschaftlichen Ebene hatten sie eine ganz simple und nützliche Sympathie füreinander entwickelt: Sie kannten einige Talente der anderen und es war ihnen glasklar, wie und dass sie sich gegenseitig brauchen und ergänzen würden. Renée ließ sie nach wenigen Sekunden wieder herunter und sie stürmten beide strahlend zur Bar. Dana wollte wissen, ob der nächste Auftrag an irgendwelche wilden Bedingungen geknüpft war und was genau die Gründer gesagt hatten, aber Renée gab nur ein gutes und knappes Ja für den kommenden Projektschritt, und die überwältigende Aussicht auf eine klare Matrix und die Komplexität ihrer Umsetzung unter den vielen Menschen, die dort bauen, leben und arbeiten würden – auch, wenn es nur eine kleine Stadt werden würde. Eine kompakte Forschungsstätte für Energieeffizienz.
Sie stießen durch die gesamte Flasche Champagner an, die ihnen von irgendwoher herbeigeholt wurde, mitsamt den Glückwünschen und der ehrlichen Freude aller Umstehenden für den gewonnenen Auftrag, den sie nicht näher definieren brauchten. Dana empfand die Franzosen in ihren Launen und Prioritäten als so zuverlässig, dass sie sie allesamt hätte lieben mögen! Es gab keinen Plan für diesen Abend und diese Nacht. Sie waren beide überrascht von der Geschwindigkeit der Entscheidung der Gründer und ans Schlafen war nicht zu denken. Sie zogen weiter und weiter, aßen, tranken, stießen wieder und wieder an – auf die Entwürfe, auf Paris, auf ihre eigene Zukunft –, sie lachten über die kleinen und mittleren Fehler, die sie in den letzten Wochen gemacht hatten, über die Zeichnungen, die sie wieder verworfen hatten, und irgendwann traten sie vor eine Türe in den anbrechenden Morgen. Sie gingen ein paar Meter, nahmen sich noch einmal in die Arme und dann setzte Renée Dana in ein Taxi zum Bahnhof, mit der instinktiven Verabredung für den kommenden Abend, zu einem planenden Gespräch. Renée sah ihr hinterher und fühlte durch ihren ganzen Körper, worauf sie sich bei Dana würde verlassen können. Sie ließ sich von dem Gefühl in Gang bringen und auf ein Basisstück Sicherheit, das sie brauchen würden, denn sie bezweifelte, dass sie in dem nun anbrechenden Jahrzehnt die Zeit haben würden, sich selbst als Menschen bewusst zu verändern und weiterzuentwickeln. Sie würden hauptsächlich funktionieren und so gut wie möglich anwenden müssen, was sie bisher gelernt hatten – über Menschen, Räume und Materialien.

 

NÉNUVAR © 2014 Heike Haarmann (UBIQE), Esslingen
eBook ISBN 978-3-00-041172-4
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